Eva Gentner

 

CV
Kontakt
Instagram
Impressum

 




ocean, curated by Nora Jaeger
May 8th – Aug 23rd 2020 at Rudolf-Scharpf-Galerie of the Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen



SWR2-Radiobeitrag von Martina Conrad

Philipp Ziegler: "Eva Gentners nomadische Kunst"
in "Eva Gentner: Moby Dick", erschienen 2020 im Kettler Verlag

Das Meer ist für Gilles Deleuze und Félix Guattari vielleicht der bedeutendste der glatten Räume. Mit dem Begriffspaar des glatten und gekerbten Raums beschreiben die beiden französischen Poststrukturalisten in ihrem Hauptwerk Tausend Plateaus das Wechselverhältnis zwischen dem unstrukturierten Raum des Nomaden und dem markierten Raum des Sesshaften. Der gekerbte Raum wird von den beiden Autoren als metrisch vermessen und begrenzt charakterisiert, er ist der Raum der Stadt oder des Staats, der durch eine hierarchische Ordnung geprägt ist und in dem Ereignisse geplant und vorhersehbar sind. Im Gegensatz dazu steht der glatte Raum der Wüsten, Steppen, Eisflächen und Meere, der von Naturgewalten wie Wind und Wellen geformt wird, sich der Messbarkeit durch den Menschen entzieht und durch Variabilität und Fluidizität ausgezeichnet ist. Während man sich das rhizomatische Gebilde eines glatten Raums wie Filz oder Patchwork als eine heterogene Struktur vorstellen kann, weisen gekerbte Räume die homogene Struktur eines durch das Fadensystem von Kette und Schuss gleichmäßig geformten Gewebes auf. Die beiden Raumformen des Glatten und des Gekerbten sind jedoch nicht separiert voneinander zu denken, sie existieren nur aufgrund ihrer hybriden Beziehungen, komplexen Überlagerungen und gegenseitigen Vermischungen. Glatte Räume und von diesen insbesondere das Meer haben unaufhörlich die Tendenz, in gekerbte Räume übertragen zu werden, die sich dabei in einer gegenläufigen Bewegung jedoch auch gleichzeitig ständig in glatte Räume zurückverwandeln.
Eva Gentners Arbeiten können als eine Auseinandersetzung mit den in Tausend Plateaus propagierten Begriffen der Vielfalt, der Heterogenität und des Nomadischen verstanden werden. Wie Jurten, die traditionellen Behausungen der Nomaden in den Steppen Zentralasiens oder schwimmende Bojen im Meer, passen sich ihre in jüngster Zeit entstandenen Skulpturen aus hölzernen Scherengittern und tropfenförmig gebogenen Holzleisten flexibel an die Bedingungen des sie umgebenden Raums an. Als Punktsetzungen liefern sie Orientierung in einem sich ständig verändernden, fluiden Raum, in dem nichts fixiert, sondern alles stets fragil und nur von temporärer Dauer ist. Der Nomade »geht von einem Punkt zu anderen«, so Deleuze und Guattari. Aber im Gegensatz zum Sesshaften sind die Punkte, auf die sich die Nomaden zubewegen, ihren Wegen untergeordnet. »Die Wasserstelle ist nur da, um wieder verlassen zu werden«. Da die Vegetation in der Wüste vergänglich ist, sind auch die Wege der Nomaden zwangsläufig variabel und den Veränderungen der Natur angepasst. Freies Land und Stadt, Festland und Meer stehen sich in dieser Konzeption antithetisch gegenüber. Als ein »Affekt-Raum« ist der glatte Raum »eher eine haptische, als eine optische Wahrnehmung«. Ein zentraler Aspekt der Arbeiten von Eva Gentner, die an der Kunstakademie in Karlsruhe bei Helmut Dorner Malerei studiert hat, sind ihre materialästhetischen Eigenschaften. Themen wie das Haptische und das Textile, das Verletzliche und das Fragile, das Experimentelle, das Flüchtige und Vergängliche, die mit den Werken verbunden sind, nehmen vielfältig Bezug auf die Schriften von Deleuze und Guattari. Die Scheu der in Mannheim lebenden Künstlerin vor festen, fixierten Strukturen, die in allen ihren Arbeiten zum Ausdruck kommt, führt dazu, dass von Eva Gentner kaum bleibende Werke geschaffen werden. »Ich fühle mich wohl, wenn nichts fest ist, wenn alles im Fluss ist.«, sagt sie und vergleicht ihre Arbeiten mit der zeitbasierten Kunstform der Musik, bei der das Eigentliche nur im Hier und Jetzt ihrer Aufführung stattfindet und nichts Bleibendes zurückbleibt. Ihre nur wenige Millimeter dünnen Wandbehänge aus auf Jute gegossenem Zement, die mit ihren minimalistischen grauen, durch den Gussvorgang mit feinen Falten und Rissen durchzogenen Oberflächen an Haut oder natürliche Gesteinsformationen erinnern, schmiegen sich in situ den Wänden des Ausstellungsraums an und falten sich so zu einem zerbrechlichen Relief, das bei jedem Brechen eine Staubspur hinterlässt. In performativen Arbeiten reagieren Tänzer mit der Berührung ihrer Haut auf die steifen Oberflächen von Eva Gentners Betontextilien und Zementkimonos, die durch die Bewegungen an besonders beanspruchten Stellen brechen, dadurch zunehmend weicher werden und am Ende der Performance zerbröselt am Boden liegen bleiben. Der funktionale und prozesshafte Charakter der Arbeiten, der durch ihre Benutz- und Berührbarkeit während der Performances sichtbar wird, lässt einen an die Konzepte von Franz Erhard Walther denken, der mit seinen Werksatz genannten Arbeiten seit Anfang der 1960er-Jahre Skulptur als Handlungsform definiert und sie damit als einer der ersten auf die direkte Interaktion mit dem Publikum gelenkt hat.
Der Ausgangspunkt von Eva Gentners Ausstellungen desert und ocean im Kunstverein Rosenheim und in der Rudolf-Scharpf-Galerie des Wilhelm-Hack-Museums in Ludwigshafen ist die Vorstellung von Ozeanen und Wüsten als topische Räume, die sich aufgrund ihrer Lebensfeindlichkeit den Einkerbungen des Menschen widersetzen. Ozeane und Wüsten stehen hier im Sinne von Deleuze und Guattari als Leerstellen für etwas, das der Mensch mit seinen Sinnen nicht fassen und nur unvollständig wahrnehmen kann. Wie im Fall eines von Eva Gentner auf YouTube gefundenen Videos, das zwei Menschen im Nebel in einem Schlauchboot auf dem Meer zeigt, unter dem sich schemenhaft die Umrisse riesiger Buckelwale abzeichnen, die als Schatten durch das Wasser huschen. Oder in den Aufnahmen, die von Gentner in der Lieberoser Wüste in der brandenburgischen Niederlausitz gemacht wurden, auf denen zwei Performerinnen im Wind mit ihren überdimensionierten Bojen hantieren. In ihren Texten verknüpft die Künstlerin diese Verweise auf das archaische Verhältnis des Menschen zur Natur mit Bezügen auf Herman Melvilles Abenteuerroman Moby-Dick von 1851. Die darin beschriebene Jagd auf den Weißen Wal ist ein Zusammentreffen von glattem und gekerbtem Raum: die Fahrt der Pequod steht zum einen für einen Einkerbungsvorgang des Meeres, Captain Ahabs monomanische Besessenheit zugleich auch für die Flucht aus dem kontrollierten Raum der menschlichen Zivilisation. Im Roman endet die Jagd mit Ahabs Tod und dem Untergang des Walfangschiffs. Angesichts der heutigen Vermischung von menschlichem Handeln, Natur und Technologie und der Unmöglichkeit, die eine Seite zu verstehen, ohne die andere zu berücksichtigen, kann die Geschichte von Moby Dick nicht mehr als Gegensatz Mensch versus Natur, können glatte und gekerbte Räume nicht als binäre Dichotomie verstanden werden. Im Zeitalter des Anthropozäns, des Artensterbens und der Klimakrise ist aus dem Bedrohlichen der Natur längst ein Bedrohtes der Natur geworden. Als ehemaliger Truppenübungsplatz ist die Lieberoser Wüste, der Schauplatz von Eva Gentners Video, genauso auf die Einwirkung des Menschen zurück zu führen wie unsere Vorstellung des Meeres mehr durch YouTube und das Internet geprägt ist als durch eigenes Erleben. In der Sichtbarmachung dieser komplizierten Gemengelage reagieren Eva Gentners Arbeiten so angesichts der heutigen Krisen auf ein verbreitetes Gefühl, sich nicht mehr verorten zu können und nicht zu wissen, wo wir auf unserem Planeten »landen« sollen.

Eva Gentner Moby Dick
https://www.verlag-kettler.de/programm/eva-gentner




Interview mit René Zechlin, dem Direktor des Museums


Making-Of


Beitrag des SWR von Verena Knümann