"Implementation of geocentrism"
2021-24
Pencil on historic paper
34 x 26 cm
(38,5 x 30,5 cm)
Interview aus dem Katalog zum STRABAG Artaward 2024
In deiner Serie „Implementation of Geocentrism“ spannst du den Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft, mit Verweisen auf Kolonialismus und der Frage nach einem zukünftigen Sternenhimmel – wie vereinst du diese Themenkomplexe und was sind deine Inspirationsquellen?
Die Idee zu den Zeichnungen kam mir in Paris im Lock-Down: Dort habe ich zum ersten Mal die Starlink Mission von SpaceX am Himmel gesehen – hunderte Satelliten, die wie eine Perlenschnur am Himmel vorbeizogen. Die Satelliten waren damals noch deutlich heller als heute und ich war sprachlos. Zwar kennt man blinkende und sich bewegende Lichtpunkte am Himmel, aber in dieser Masse und Symmetrie stellen sie eine völlig neue Situation dar. Dann habe ich im Internet recherchiert und herausgefunden, dass die Vereinten Nationen bereits die Installierung zehntausender weiterer Satelliten dieser Art genehmigt haben und diese in den kommenden Jahrzehnten in Betrieb genommen werden. Dabei wurde wissentlich in Kauf genommen, dass sich das Erscheinungsbild unseres Nachthimmels grundlegend verändern könnte. Aber was macht das mit dem Menschen, wenn er seinen Nachthimmel nicht mehr beobachten kann? Dessen Erscheinungsbild ist seit jeher Projektionsfläche philosophischen Denkens, göttliche Sphäre spiritueller Wahrheiten sowie die Quellen unseres Wissens über den Kosmos. Er ist Konstante und Zukunftsweiser. Was macht es mit den Menschen, wenn sich der Sternenhimmel in Zukunft um die Erde drehen wird? Ist das die Projektionsfläche, in der wir neue Antworten finden können? Und welche Namen werden wir wohl unseren neuen Pünktchen am Himmel – diesen neuen Sternenbildern – geben? Und so kam mir die Idee, hierfür ein paar Vorschläge zu machen.
Und hier knüpft auch die Verbindung zum Kolonialismus an. Denn es hat bereits zuvor in der Geschichte der Menschheit eine Neubenennung von Sternbildern gegeben: Das Zeitalter der Europäischen Expansion begann im 15. Jahrhundert und wurde u.a. von einer Reihe technischer Innovationen ausgelöst. Bspw. von einem Messinstrument, das es Seefahrern ermöglichte, sicher den Äquator zu überqueren. Diese sahen auf ihren Expeditionen so zum ersten Mal den Sternenhimmel der südlichen Hemisphäre und gaben diesen neuen Sternen ihre heutigen Namen: Luftpumpe, Zirkel, Chemischer Ofen, Mikroskop oder Pendeluhr. Die Namensgebung spiegelt deren Glauben an den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt der Frühen Neuzeit wieder. Aus diesem Grund habe ich meine Sternbilder auch nach vielversprechenden Innovationen benannt.
Das ist jedoch nicht die einzige Parallele zum Kolonialismus. Aus ersten Entdeckerfahrten wurde bald ein rücksichtsloser Eroberungswettlauf um den ganzen Globus. Die Inbesitznahme von Raum und Ressourcen weniger Mächtiger und deren rücksichtslose Machtausübung prägt bis heute die gesamte Weltbevölkerung. Derzeit findet ein Wettlauf um die Vorherrschaft im Orbit statt. Weltweit bringen private und staatliche Organisationen neuartige erdnahe Satelliten ins All, die mit großen Chancen und Risiken verbunden sind. Sie bieten bahnbrechende Möglichkeiten in der weltweiten Kommunikation. Gleichzeitig drohen ungerechte Verteilung, militärische Nutzung und eine Umweltverschmutzung ungeahnten Ausmaßes.
Die Wahl des Mediums und Materials scheint in deinen Werken zentral zu sein. Wie entscheidest du darüber und wie weit beeinflusst diese Wahl die inhaltliche Ausrichtung?
In meinen Werken erzählt das Material meist seine eigene Geschichte. So arbeite ich bspw. mit Zement und thematisiere damit die Fragilität von Beton und dessen Rolle in unserer Zivilisation. […] Das Material bringt also seine eigene Bedeutung und Symbolik mit und ich versuche, es in meine Arbeit zu integrieren. Für die Idee meiner Sternbilder war es wichtig, das richtige Material zu finden, da ich die Verbindung zum Kolonialismus darstellen wollte. Im Zeitalter der Europäischen Expansion wurden die Sternbilder des Südhimmels in großen Himmelsatlanten veröffentlicht. An deren Optik habe ich mich orientiert und versucht ein ähnliches Papier zu finden, wie es damals in Verwendung war. Fündig geworden bin ich dann in einem Großhändler für antiquarische Bücher im Norden von Paris.
Belka and Strelka have been the first creatures, that have been to the orbit and came back living. The two dogs were mated after their return to earth. One puppy from the litter was given to the child of the American president by the Russian president during a state visit.